MUSEUMSBELEUCHTUNG - INTERVIEW MIT PROF. ANDREAS SCHULZ

 

Das Lichtplanungsbüro Licht Kunst Licht mit Sitz in Bonn und Berlin hat seit seiner Gründung im Jahr 1991 an über 600 Projekten im In- und Ausland mitgearbeitet – darunter sind zahlreiche renommierte Museen, die mit internationalen Preisen ausgezeichnet wurden.

Eines der jüngsten Projekte ist das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster. Erweitert um einen Neubau von Staab Architekten wurde es im September 2014 wiedereröffnet. Im Gespräch mit der Redaktion LICHT erläutert Licht Kunst Licht Gründer und Inhaber Prof. Andreas Schulz die projektspezifischen Herausforderungen dieses und weiterer Museumsprojekte, die von seinem Büro geplant wurden.

 

LWL-MUSEUM FÜR KUNST UND KULTUR, Münster

LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster

LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster

LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster

LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster

LWL-Museum für Kunst und Kultur, Münster

Das LWL-Museum kann in seinen Ausstellungssälen Lichtrahmen und Strahler einzeln oder additiv nutzen. Damit steht ein breites Spektrum an Möglichkeiten zur Verfügung. Es reicht von der ausschließlich gleichmäßigen Beleuchtung der Wände, über eine Kombination von Grundbeleuchtung und Lichtakzenten, bis zur nur mit Strahlern erzeugten introvertierten oder dramatischen Lichtwirkung. Die Dimmbarkeit der Lichtrahmen und jedes einzelnen LED-Strahlers erlauben, das Licht exakt auf die jeweiligen Sehaufgaben und Vorgaben zum Schutz der Exponate abzustimmen. (Architekten: Staab Architekten; Foto: Marcus Ebener)

 

LICHT: Bei der Lichtplanung für das LWL-Museum hatte sich Licht Kunst Licht zur Aufgabe gemacht, dem Besucher durch das Licht eine Führung im Haus zu bieten, die ihn auf seinem Weg durch das Museum – vom ersten Schritt im Foyer bis zu den Ausstellungsräumen im zweiten Obergeschoss – wie ein roter Faden begleitet. Was verbirgt sich dahinter?

 

Prof. A. Schulz: Wie in allen unseren Museumsprojekten geht es nicht nur um einen hohen qualitativen Anspruch, sondern auch um eine ökologisch und funktional herausragende Lösung für die Beleuchtung. Naturgemäß nimmt dabei das Tageslicht einen sehr großen Stellenwert ein. Abgesehen davon, dass der Besucher im LWL-Museum beim Erreichen der Oberlichtsäle spürt, dass er tatsächlich dem Licht entgegen geschritten ist, wird die Vitalität des Tageslichtes auch schon in der Eingangshalle spürbar. Das dreigeschossige Foyer wird von einer Verglasung mit darunterliegender Membrandecke überspannt. Bei Sonnenschein prägt das Spiel von Licht und Schatten den Raum, und auch an bewölkten Tagen ist der Bezug nach außen präsent.

Die spürbare Dynamik des Tageslichtes stimmt die Besucher ein, das Haus zu erforschen und zu erobern. Den vom Architekten für eine Wegführung visuell aufgezeigten Pfad, über eine grandiose Treppe ins erste Obergeschoss zu gelangen, begleiten wir mit einem eigens dafür entwickelten linearen Deckenkanal. Er hält die Lichtquellen im Verborgenen, belegt die Oberfläche der Treppe dank relativ hoher Beleuchtungsstärken aber wie mit einem leuchtenden Teppich.

 

LICHT: In den Ausstellungsräumen wurde eine bisher für Museen einzigartige Lichtlösung realisiert…

 

Prof. A. Schulz: Wir haben uns für eine wandbegleitende Anordnung der Kunstlichtdecken entschieden. Dieser in die Decke integrierte Kunstlichtrahmen verläuft entlang der Wände, schafft ein ruhiges Deckenbild und sorgt für eine besonders homogene Ausleuchtung der Wandflächen. In der Fuge zwischen dem Lichtrahmen und dem raummittigen Deckenfeld verläuft eine Stromschiene, an der sich Strahler frei positionieren lassen. Je nach Ausstellung und Beleuchtungsanforderung kann das Museum Lichtrahmen und Strahler einzeln oder additiv nutzen.

Im obersten Geschoss verfügt das Museum über fünf Oberlichtsäle mit großformatigen, mittig angeordneten Tageslichtdecken. Auch hier kommt die Kombination aus Lichtrahmen und Stromschienenstrahler zum Einsatz, wobei der Lichtstrom automatisch, abhängig vom Tageslichtangebot geregelt wird.

 

 

KUNSTMUSEUM AHRENSHOOP, Ahrenshoop

Kunstmuseum Ahrenshoop, Ahrenshoop

Kunstmuseum Ahrenshoop, Ahrenshoop

Kunstmuseum Ahrenshoop, Ahrenshoop

Kunstmuseum Ahrenshoop, Ahrenshoop

Fünf aneinandergefügte Einzelhäuser, zwischen denen sich ein Flachdach aufspannt, bilden das Kunstmuseum in Ahrenshoop. Die äußere Form der Baukörper lehnt sich an die für die Region typischen alten Fischerkaten mit ihren tiefgezogenen, reetgedeckten Dächern an. Anders als diese wird das Museum aber nicht über Fenster, sondern über den Dachfirst beleuchtet. Hier befinden sich breite Oberlichtbänder, deren Prismen im Scheibenzwischenraum Tageslicht in den Raum streuen, gerichtetes Sonnenlicht aber reflektieren. Auch die künstliche Beleuchtung erfolgt vom Zenit der Räume aus. Mit verfahrbaren Screens lässt sich die Menge von Tages- und Kunstlicht regulieren. (Architekten: Staab Architekten; Fotos: Stefan Müller; Abb. unten: Licht Kunst Licht)

 

LICHT: Ein ganz anderes, ebenfalls von Staab Architekten entworfenes und in Zusammenarbeit mit Licht Kunst Licht realisiertes, Projekt ist das Kunstmuseum in Ahrenshoop. Im Gegensatz zum LWL-Museum gelangen hier Tages- und Kunstlicht aus der gleichen Öffnung in den Raum. Was war hier die besondere Herausforderung bei der Lichtplanung?

 

Prof. A. Schulz: Das LWL-Museum war ein großes Projekt mit einem entsprechend ausgestatteten Budget. Der vorhandene Erweiterungsbau wurde abgerissen, um ihn durch einen Neubau zu ersetzen. Das Projekt hat uns weit über fünf Jahre beschäftigt; eine Laufzeit, die uns bei Museumsprojekten nicht fremd ist. Beim Kunstmuseum Ahrenshoop hingegen handelt es sich um ein kleines Haus, das dank bürgerschaftlichen Engagements realisiert wurde. Ziel war es, den Werken der Gründerjahre der Künstlerkolonie und nachfolgenden künstlerischen Entwicklungen in Ahrenshoop und der Region eine dauerhafte Heimstatt zu verschaffen.

Bei dem kleinen Budget war für die Beleuchtung so gut wie nichts übrig. Aus diesem Grund haben wir dem Tageslicht eine noch größere Bedeutung beigemessen, als wir es ohnehin schon bei unseren Projekten tun. Wir haben das Haus rein tageslichtgeführt mit nur einer tageslichtunterstützenden Zusatzbeleuchtung geplant. Die Entscheidungsfindung zur Gestaltung der Oberlichter bzw. der gesamten Dachstruktur ist in enger Zusammenarbeit mit den Architekten gefallen. Wir haben zahlreiche Versuche durchgeführt, um eine optimale Oberlichtöffnung zu realisieren, die möglichst effizient, möglichst viel Tageslicht einkoppelt – in bester Qualität.

 

LICHT: Welche Rolle spielen in diesem Rahmen der Museumskurator und seine Intentionen für die spätere Ausstellung?

 

Prof. A. Schulz: In den allermeisten Fällen ist der Kurator bzw. der Ausstellungsmacher zum Zeitpunkt des Entstehens eines Museums noch nicht präsent. Er wird leider erst sehr viel später eingeschaltet, wenn dem Museumsbetreiber klar wird, was genau an welchen Orten ausgestellt werden soll. Das bedeutet für uns, dass wir oft Beleuchtungen liefern müssen, die diese extreme Flexibilität mit sich bringen, für alle möglichen Ausstellungsfälle gewappnet zu sein. Es gibt aber auch andere Projekte: Häuser mit einer festen Sammlung, wie zum Beispiel die Alte Nationalgalerie auf der Museumsinsel in Berlin. Hier standen die Szenografie der Ausstellung und die Positionen der Exponate von Anfang an fest. Wir konnten darauf reagieren und wussten, dass unser Lichtkonzept auch nachhaltig ist, da sich nichts ändern wird.

 

 

MUSEUM DER BAYERISCHEN KÖNIGE, Hohenschwangau

Museum der bayerischen Könige, Hohenschwangau

Museum der bayerischen Könige, Hohenschwangau

Museum der bayerischen Könige, Hohenschwangau

Die Ausgangslage bei der Lichtplanung für ein Museum kann sehr unterschiedlich sein. Bei Dauerausstellungen wie hier im Museum der bayerischen Könige stehen die Positionen der Exponate und die Szenografie der Räume bereits fest. Oft ist zum Zeitpunkt der Lichtplanung die Ausstellungskonzeption aber noch nicht festgeschrieben oder die Beleuchtung muss Wechselausstellungen gerecht werden. Dann ist eine sehr flexible Lösung gefragt. (Architekten für Rekonstruktion und Erweiterung, Ausstellungsplanung: Staab Architekten; Foto: Marcus Ebener)

 

LICHT: Das heißt konkret, dass in der Regel die spätere Szenografie einer Ausstellung vorgedacht werden muss, sie eventuell aber in ganz anderer Form zur Ausführung kommt und das Licht dann trotzdem funktioniert.

 

Prof. A. Schulz: Beim Städel Museum zum Beispiel, wurde ein tiefgeschossiger Neubau initiiert, um dem Haus eine Wechselausstellungshalle zu geben. Von vornherein war klar, dass in dieser Halle unterschiedliche Raumeinbauten zur Anwendung kommen, um wiederum verschiedene Ausstellungsgestaltungen zu ermöglichen. So kann man konservatorisch Kunst differenziert zeigen. Wir haben daher die im Städel installierten Oberlichter mit einer eigenen Intelligenz versorgt, sie sind einzeln ansteuerbar und können so ggf. auch auf die darunter befindlichen Raumeinbauten reagieren. So haben wir versucht, über Steuerungsintelligenz diese gewünschte Flexibilität zu erzeugen.

 

LICHT: Sind Lichtplanungsbüros zukünftig stärker gefordert, Kompetenz im Bereich der Steuerungstechnik aufzubauen, oder kann diese Aufgabe nach wie vor von den Elektroplanern bedient werden?

 

Prof. A. Schulz: Als wir mit der Planung des Städel Museums begannen, haben wir sehr schnell realisiert, dass wir uns mit der Steuerungsproblematik intensiv beschäftigen müssen. Denn die Komplexität, welche die von uns geplante Beleuchtung mit sich bringt, wird am besten vom Planer selbst begriffen. Wir haben diese Kompetenz in unserem Büro entwickelt. Denn nicht nur für die Beleuchtung von Museen ist bei Lichtplanern inzwischen steuerungstechnisches Know-how gefragt. Mit der Digitalisierung des Lichts und der Verwendung von intelligenten Leuchten wird generell sehr viel mehr Steuerungstechnik eingesetzt. Wurde früher das Gewerk »Licht« bei der Leuchtenklemme übergeben, so sind wir inzwischen bereits bei der Steuerungstechnik aktiv.

 

LICHT: Die Städel-Erweiterung wurde hochgelobt und vielfach ausgezeichnet. Unter anderem würdigte der Deutsche Lichtdesign-Preis 2013 das Projekt mit dem Jurypreis Tageslicht. Welche Innovationen beinhaltet das Beleuchtungskonzept für den unterirdischen Ausstellungssaal?

 

Prof. A. Schulz: Der Anfang 2012 fertiggestellte Erweiterungsbau ist auch heute noch up to date. Was wir damals vorgedacht und realisiert haben, hat eine unglaubliche Aktualität; sehr viele Museen versuchen, sich diese technische Intelligenz zunutze zu machen. Wir hatten den Vorteil, dass wir den Neubau vom ersten Entwurf bis zur Ausführung komplett begleiten konnten. Wir haben uns die modernste Technik geleistet, die der Markt bot. Der Bau verfügt nicht nur über eine intelligente Kunstlichtsteuerung, sondern auch über eine intelligente Tageslichtsteuerung, basierend auf mehreren Lichtverminderungssystemen. Diese werden elektromotorisch vor die Oberlichter gefahren und über eine Sensorik in Abhängigkeit von den verschiedenen Tageslichtsituationen gesteuert.

Die Innovation besteht in dem Zusammenwirken von Tageslicht und Kunstlicht. Das, was heute als Tunable White bezeichnet wird, haben wir seinerzeit bereits geplant: In den Oberlichtern sind zwei verschiedene LED-Lichtsysteme integriert. Sie erlauben es, warmweißes Licht mit 2700K Farbtemperatur und kaltweißes Licht mit 5000K zu mischen und so die Lichtfarbe zu variieren.

 

 

STÄDELSCHES KUNSTINSTITUT UND STÄDTISCHE GALERIE, Frankfurt am Main

Städel Museum, Frankfurt am Main

Städel Museum, Frankfurt am Main

Städel Museum, Frankfurt am Main

195 Oberlichter mit Durchmessern von 1,50 bis 2,50 m bringen Tageslicht in den unterirdischen Erweiterungsbau des Frankfurter Städel Museums. Neben der natürlichen Belichtung dienen sie mit einem integrierten Ring aus LED Elementen auch als Kunstlichtquelle. Darüberhinaus können LED-Strahler mit verschiedenen Optiken in Steckbuchsen an den Oberlichtern angebracht werden. Wird der Saal im Erweiterungsbau des Städel Museum durch Trennwände in Kabinette aufgeteilt, können die Oberlichter dem entstehenden Raumbereich zugeordnet werden. Diese freie Definition von Oberlichtgruppen ermöglicht eine selektive Abstimmung der Lichtverhältnisse auf die Exponate. Verfahrbare Screens in den Deckenöffnungen dosieren das Tageslicht. Die Farbtemperatur des künstlichen Lichts kann dank der Kombination von warmweißen und kaltweißen LEDs passend eingestellt werden. (Architekten: schneider+schumacher; Foto: Norbert Miguletz)

 

LICHT: Bei der Beleuchtung in Lebensmittelgeschäften werden bestimmte Warenfarben mit Licht besonders herausgearbeitet, um sie frisch und attraktiv aussehen zu lassen. Könnte man sich solch eine künstliche Überhöhung auch bei der Beleuchtung von Kunstwerken im Museum vorstellen. So könnte z.B. das kühle Blau der arktischen Eismeer-Landschaft von Caspar David Friedrich für den Betrachter unmerklich mit Licht noch kühler inszeniert werden. Inwieweit darf man sich als Museumslichtplaner dieser Versuchung hingeben?

 

Prof. A. Schulz: Das ist ein amerikanischer Planungsansatz. Es gibt namhafte Hersteller, die versuchen, mit speziellen spektralen Verteilungen auf bestimmte Kunstwerke zu reagieren. Ob das richtig ist oder nicht, müssen Kunsthistoriker beantworten. Meist wurde in der Entstehungszeit der Kunstwerke, selbst in der Moderne, bei Tageslicht gemalt, unter der spektralen Zusammensetzung des Tageslichtes. Natürlich ist es möglich, den Blauton eines Kunstwerkes mithilfe von hohen Blauanteilen des Kunstlichts stärker herauszuarbeiten. In unseren Projekten war das bisher nicht gewünscht.

Aus unserem Selbstverständnis heraus, ist uns dieser Ansatz auch fremd. Unsere Auftraggeber schalten uns vor allen Dingen ein, weil wir eine Lichtfassung anbieten, die auch den Raum einblendet, die der Kunst dienlich ist, aber nicht für jedes einzelne Kunstwerk reagieren braucht. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch Beleuchtungsaufgaben gibt, in denen Details oder Elemente zusätzlich mit Licht herausgearbeitet werden müssen. Unser Ziel ist es, der Architektur mit einem der funktionalen und gestalterischen Idee entsprechenden Beleuchtungskonzept zu begegnen.

 

 

DARWINEUM ZOOLOGISCHER GARTEN, Rostock

Darwineum Zoologischer Garten, Rostock

Darwineum Zoologischer Garten, Rostock

Darwineum Zoologischer Garten, Rostock

Ob Ausstellungsräume neutral und ausgewogen beleuchtet werden oder das Licht eine inszenierende Funktion übernimmt, müssen Kuratoren und Betreiber entscheiden. Steht die Wissensvermittlung im Vordergrund, wie hier im Darwineum im Rostocker Zoo, können dramaturgische und unterhaltende Effekte eine Bereicherung sein. In reinen Kunstmuseen ist der szenografische Anteil in der Regel eher klein. (Architekten: Rasbach Architekten; Ausstellungsplanung: Atelier Brückner; Foto: Michael Jungblut)

 

LICHT: Museen haben hierzulande Hochkonjunktur, die Besucherzahlen in deutschen Museen steigen von Jahr zu Jahr, zahlreiche Sonderschauen machen das kulturelle Angebot noch attraktiver. Kann man, ähnlich wie in der Mode, bestimmte Trends in der Museumsbeleuchtung und der Inszenierung von Kunst ausmachen?

 

Prof. A. Schulz: Prinzipiell halten wir es nach wie vor für richtig, Museen möglichst neutral und gleichgewichtig zu beleuchten. In reinen Kunstmuseen ist der szenografische Anteil daher eher klein. Auf der anderen Seite entsteht zur Zeit eine Fülle von sogenannten entertainten Museen mit einem sehr hohen szenografischen Anteil. Diese Häuser ziehen ein breites Publikum an. Darüber hinaus können Museen auch eine schulpädagogische Wirkung haben, wie zum Beispiel das große Experimenta-Projekt in Heilbronn. In solchen Häusern ist eine szenografische Beleuchtung mit einer gewissen Dramaturgie Bestandteil des Gesamtkonzepts.

 

 

MUCEM - MUSÉE DES CIVILISATIONS DE L'EUROPE ET DE LA MÉDITERRANÉE, Marseille

Mucem Musée, Marseille

Mucem Musée, Marseille

Mucem Musée, Marseille

Ein Beleuchtungskonzept für ein Museum fokussiert nicht ausschließlich auf die Exponate, sondern schließt immer auch den Raum mit ein. Eine sehr enge Verknüpfung von Architektur und Lichtlösung wurde im Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée (MuCEM) in Marseille realisiert. Sowohl die Abhängung der Exponate und textilen Wanddisplays als auch die Beleuchtung nutzen die Deckenvouten, die bauseitig von den Rippen der Fertigteilbetondecke vorgegeben sind. (Architektur: Rudy Ricciotty architecte; Ausstellungsplanung: Studio Adeline Rispal; Foto: Studio Adeline Rispal / Luc Boegly)

 

LICHT: In der internationalen Betrachtung ist die Museumsarchitektur stark in Bewegung…

 

Prof. A. Schulz: …Absolut, die Golfstaaten leisten sich große Kunstmuseen, die bereits durch ihre architektonische Qualität selbst als Kunstwerk dastehen. Wir arbeiten zur Zeit u.a. an der Lichtplanung für das neue National Museum von Qatar, gebaut von Jean Nouvel. Die weltweit führenden Bauunternehmen haben lange davor zurückgeschreckt, den explosiven, zuvor nie dagewesenen Architekturansatz von Jean Nouvel zu realisieren. Es hat fast zwei Jahre gedauert, bis sich ein Unternehmer fand, der dieses komplizierte Museum bauen wollte.

Das Gebäude nimmt die Metapher von im Wüstensand gefundenen Tonscherben auf. Solche Häuser haben eine innenräumliche Qualität, die nicht neutral ist, sondern selbst Teil der Ausstellung. Es entstehen Museumsräume, die keinen üblichen Seherfahrungen entsprechen. So gibt es zum Beispiel keine vertikalen Wandflächen, die in einer horizontalen Fläche enden, sondern die Wände sind gekrümmt, angekippt und gehen eventuell in ein geschwungenes Dach über. Für die Beleuchtung bedeutet dies eine enorme Herausforderung, ebenso für die Szenografie im Raum, zum Beispiel können Wandflächen nicht mehr benutzt werden.

 

 

 NATIONAL MUSEUM, Qatar

National Museum, Qatar

National Museum, Qatar

National Museum, Qatar

LICHT: Die Museumsarchitektur ist viel selbstbewusster geworden, was bedeutet das für die Museumsbeleuchtung?

 

Prof. A. Schulz: Spätestens durch den großen Erfolg des von Gehry gebauten Guggenheim Museums in Bilbao hat man erkannt, dass auch Architektur zum Marketinginstrument werden kann. Das bedeutet häufig, dass eine sehr viel lebendigere und expressivere Architektur ausgewählt wird. Während früher versucht wurde, möglichst neutrale Räume zu schaffen, geht der Trend heute dahin, auf die Beleuchtungsaufgabe individueller zu reagieren, auf das Gebaute Rücksicht zu nehmen – und die Museumsarchitektur selbst in Szene zu setzen.

 

LICHT: Vielen Dank für das Gespräch!

 

Autorin: Das Interview führte Andrea Rayhrer, Stuttgart

 

Im März dieses Jahres fand in London die Preisverleihung des Illumini Infinity Award statt. Das Programm würdigt kreatives Schaffen von Lichtplanern, und wir konnten gleich zwei Ehrungen entgegennehmen. Erneut wurde das Städel Museum (schneider + schumacher mit Kai-Otto) mit einer Auszeichnung „Winner Silver“ in der Kategorie Kultur-Bauten prämiert.